Die wahre Geschichte

An ihrem 25. Geburtstag, dem 13. Mai 1742, gebar Kaiserin Maria Theresia kurz nach elf Uhr nachts ihr fünftes Kind. Schon am nächsten Morgen wurde das Kind auf den Namen Maria Christina Josepha Johanna Antonia getauft. Von Anfang an war Maria Christina der erklärte Liebling ihrer Mutter. Sie scheint schon als Kind temperamentvoll und eigenwillig gewesen zu sein. Dies sowie die Tatsache, dass sie von ihrer Mutter offen bevorzugt wurde, beeinflusste das Verhältnis zu ihren Geschwistern negativ. Maria Christinas Brüder und Schwestern straften ihre Sonderstellung durch Neid und Eifersucht und sie mieden die Lieblingstochter Maria Theresias und schlossen sie von gemeinsamen Aktivitäten aus.

Mit ihrer Aja, Fürstin Trautson, verstand sie sich ebenfalls nicht, sodass ihre Mutter schließlich dem Drängen Maria Christinas nachgab und 1756 die verwitwete Gräfin Maria Anna Vasquez zur Erzieherin ernannte. Maria Christina war eine begabte und fleißige Schülerin mit einer Neigung für Sprachen, insbesondere Französisch und Italienisch sprach sie leidenschaftlich gern. Talent und Begeisterung zeigte sie außerdem bereits früh für das Malen und Zeichnen. Ihre Begeisterung für Kunst teilte sie mit ihrem späteren Ehemann Albert.
Als Siebzehnjährige lernte Maria Christina bei einer Feierlichkeit den Prinzen Ludwig von Württemberg kennen und entwickelte eine romantische, aber harmlose Schwärmerei für den jungen Mann, der in den Augen ihrer Mutter keinesfalls als Gemahl in Betracht gekommen wäre.

Am 10. Januar 1760 empfing das Kaiserpaar die beiden sächsischen Prinzen Clemens und Albert, Söhne König Augusts III. von Polen und Kurfürst von Sachsen, zu einer Audienz. Die beiden Prinzen, die mütterlicherseits habsburgischer Abstammung waren, wurden nach dem freundlichen Empfang zu einem Hauskonzert eingeladen, bei dem Maria Christina mitwirkte. Albert hatte sich auf den ersten Blick in die junge Erzherzogin verliebt, was die Schilderungen in seinen Memoiren bezeugen. Auf einer Schlittenfahrt, bei der er mit Maria Christina in den selben Schlitten gelost wurde, verbrachte er heitere Stunden mit der Kaisertochter. Der sich selbst als „pauvre cadet“ bezeichnende Albert hielt die gesellschaftliche Kluft zwischen einem Prinzen eines zweitrangigen Herrscherhauses und einer Kaisertochter jedoch für unüberwindbar. Albert machte Karriere im Militärdienst, wurde 1763 zum General der Kavallerie befördert und als solcher nach Ungarn versetzt.

Kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag bekam Maria Christina im April 1760 einen eigenen Hofstaat. Ihre Erzieherin Gräfin Vasquez wurde zur Obersthofmeisterin ernannt, auf ihren Wunsch hin behielt Maria Christina ihren Beichtvater Pater Franz Lechner in ihren Diensten.

Trotz leerer Staatskassen wurde die Hochzeit von Maria Christinas Bruder und Thronfolger Joseph mit Prinzessin Isabella von Parma am 6. Oktober 1760 prunkvoll gefeiert. War Joseph von Anfang an in Liebe zu Isabella entbrannt, so empfand diese, die sich in den Briefen an Maria Christina als wahre Männerfeindin zu erkennen gibt, nur Hass und Verachtung für ihren Gatten. Doch als Meisterin der Verstellung gab sie sich nach außen als gefügige Gemahlin. Aufgrund ihrer Liebenswürdigkeit und ihrer Musikalität wurde die intelligente, scharfsinnige Italienerin bald zum allgemeinen Liebling bei Hofe. Ihre ganze leidenschaftliche Zuneigung galt Maria Christina, welche sie in mehr als 200 überlieferten Briefen und Zetteln deutlich kundtat. Da diese Schriftzeugnisse eine deutliche Sprache sprechen, kann das Verhältnis zwischen den beiden jungen Frauen nicht nur als „mädchenhafte Schwärmerei“ abgetan werden. Heute spekulieren Historiker gar über eine homosexuelle Beziehung.
Isabellas depressive Grundhaltung und ihre Todessehnsucht wurden durch die Empfindung, die in sie gesetzten Erwartungen nicht zu erfüllen, verstärkt. Sie gebar Joseph keinen männlichen Nachkommen. In den drei Jahren ihrer Ehe brachte sie zwei Töchter zur Welt, die beide jung starben, und hatte drei Fehlgeburten. Am 27. November 1763, wenige Wochen vor ihrem 22. Geburtstag, starb Isabella an den Pocken. Maria Christina verlor dadurch die einzige echte Freundin, die sie je auf der Welt besaß, wie sie auf der Rückseite eines Bildes, das Isabella mit ihrer Tochter zeigt, notierte: „Diese Frau war mit allen nur erdenklichen Tugenden, Vorzügen und Liebenswürdigkeiten ausgestattet. Sie lebte und starb als ein Engel.“

Ab Ende 1763 intensivierte sich die Beziehung zwischen Albert und Maria Christina. 1764 hielt Albert sich mit der Kaiserfamilie in Laxenburg auf. Als er nach Pressburg abkommandiert wurde, konnte er die Erzherzogin beinahe täglich treffen, da dort auch die kaiserliche Familie weilte. Dass seine Zuneigung von ihr erwidert wurde, bekundete Maria Christina ihm bei einem Theaterbesuch in Wien.
Da Maria Theresia Albert schätzte, unterstützte sie das sich anbahnende Liebesverhältnis. Die Monarchin fand Gefallen an seiner Bildung, Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit. Einer Verbindung zwischen dem Offizier und ihrer Tochter stand aus Sicht der Kaiserin nichts im Wege, wenn nicht der Kaiser bereits einen anderen Gatten für Maria Christina bestimmt hätte. Franz Stephan hatte seinen Neffen, den Herzog Benedikt Moritz von Chablais, ausgewählt.

Im Juli 1765 fand die Hochzeit Leopolds, des künftigen Großherzogs von Toskana, mit der Infantin Maria Ludovica von Spanien in Innsbruck statt. Albert war ebenfalls bei den Feierlichkeiten anwesend. Der eigentlich freudige Anlass wurde durch den plötzlichen Tod des Kaisers Franz Stephan durch einen Schlaganfall am 18. August 1765 jäh unterbrochen. Die Hochzeitsgesellschaft stand unter Schock und kehrte nach Wien zurück. Maria Theresias Trauer war unermesslich. Sie zog sich vollkommen zurück und legte ihre Trauerkleidung bis zu ihrem Tod nicht mehr ab.

Nach Franz Stephans Tod stand jedoch niemand mehr einer Hochzeit von Maria Christina und Albert im Weg. Maria Theresia sorgte deshalb dafür, dass trotz der Hoftrauer die Hochzeitsvorbereitungen schon im November 1765 – im Verborgenen – einsetzen konnten.
Um ihrer Lieblingstochter und deren künftigem Gemahl ein materiell abgesichertes Leben zu ermöglichen, ernannte Maria Theresia Albert zum Feldmarschall und Statthalter von Ungarn mit Sitz in Pressburg. Das Schloss in der damaligen Hauptstadt Ungarns wurde umfassend und unter immensen Kosten modernisiert. Einige Räume der Hofburg sowie das Grünnehaus in Laxenburg standen für Maria Christina und Albert ebenfalls zur Verfügung.
Neben einer umfangreichen Aussteuer und hunderttausend Goldgulden brachte Maria Christina als Heiratsgut das Herzogtum Teschen, die Herrschaften Mannersdorf, Ungarisch-Altenburg, Bellye und Raczkeve in die Ehe ein.

Am 2. April 1766 fand die Verlobung von Maria Christina und Albert statt, sechs Tage darauf, am 8. April, wurde die Hochzeit in der Kapelle des ehemaligen Prinz Eugen-Schlosses Schlosshof im Marchfeld gefeiert.

Zeittafel

1736 Heirat von Maria Theresia und Franz I. Stephan (12.2.)
1737 Geburt von Maria Elisabeth, erste Tochter Maria Theresias (gest. 1740)
1738 Geburt von Albert von Sachsen (11.7.) Geburt von Maria Anna (6.10.)
1740 Geburt von Maria Carolina (gest. 1741)
Krönung von Friedrich II. zum König in Preußen (31.5.)
Tod von Karl VI. (20.10.)
Beginn Österreichischer Erbfolgekrieg (16.12.)
1741 Geburt von Joseph II. (13.3.)
Geburt von Isabella von Parma (31.12.)
1742 Krönung Karl Albrechts von Bayern zum Kaiser des Hl. Römischen Reichs (12.2.)
Geburt von Maria Christina (13.5.)
1743 Geburt von Maria Elisabeth (13.8.)
1745 Tod von Karl Albrecht von Bayern (20.1.)
Geburt von Karl Joseph (1.2.)
Krönung von Franz I. Stephan zum Kaiser von Österreich (4.10.)
1746 Geburt von Maria Amalia (26.2.)
1747 Geburt von Leopold II. (5.5.)
1748 Geburt von Maria Karolina (gest. 1748)
Frieden von Aachen; Anerkennung der Thronfolge und Anschluss Schlesiens an Preußen (18.10.)
1750 Geburt von Johanna Gabriela (4.2.)
1751 Geburt von Maria Josepha (19.3.)
1752 Geburt von Maria Caroline (13.8.)
1754 Geburt von Ferdinand Karl Anton (1.6.)
1755 Geburt von Maria Antonia (2.11.)
1756 Beginn Siebenjähriger Krieg (Juni)
Geburt von Maximilian Franz (8.12.)
1760 Heirat von Joseph II. und Isabella von Parma (6.10.)
1761 Tod von Karl Joseph (18.1.)
1762 Tod der Zarin Elisabeth und Krönung von Peter III. zum Zaren (5.1.)

Geburt von Maria Theresia Elisabeth, Tochter von Joseph und Isabella (20.3.)
Selbsternennung von Katharina II. zur Zarin (9.7.)
Ermordung von Zar Peter III. (17.7.)
Tod von Johanna Gabriela (23.12.)
1763 Frieden von Hubertusburg: Wiederherstellung des status quo ante bellum (15.2.)

Geburt und Tod von Maria Christina, Tochter von Joseph und Isabella (22.11.)

Tod von Isabella (27.11.)
1764 Krönung von Joseph II. zum römisch-deutschen König (3.4.)
1765 Ernennung von Leopold II. zum Großherzog der Toskana (Jan.)
Heirat von Joseph II. und Josepha von Bayern(23.1.)
Heirat von Leopold II. und Maria Ludovica von Spanien (5.8.)
Tod von Franz I. Stephan (18.8.)
Ernennung von Albert zum Statthalter von Ungarn (Dez.)
1766 Verlobung von Maria Christina und Albert (2.4.)

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